The following article originally appeared on September 20, 2017 on the culture
blog Zmitz:
http://www.zmitz.ch/1268-unser-leben-ist-ein-schatten
Ich bin vielleicht nicht ganz unvoreingenommen.
Als Mutter oder als Vater eines Singknabens ist man schliesslich nicht
unbeteiligt am Endergebnis. Sicherlich stehen wir nicht vorne im Rampenlicht.
Dafür arbeiten wir still und leise im Schatten, und wir erscheinen immer wieder
-- erschöpft, stolz, aufgeregt -- am Konzert. In den Wochen und Monaten davor
haben wir unsere Knaben aufgemuntert, in die zweimal wöchentliche Proben zu
gehen. Wir koordinieren die Terminen, fahren Knaben hin und her, räumen für die
ganze Familie das Konzertwochenende frei. Als der Termin näher rückt, schauen
wir, dass das schicke blaue Tenue gewaschen und gebügelt ist. Passen die Schuhe
noch? Wo ist denn der Gürtel hin? Und am Konzerttag selber sorgen wir dafür,
dass der Knabe sich am Nachmittag nicht schon verausgabt, dass er vor dem
Einsingen genug im Magen hat, dass er ja pünktlich ankommt. Und warten muss man
auch gut können. Denn die Zeit zwischen dem Abliefern eines Singknabens und dem
Konzertbeginn gibt nicht viel her. Vielleicht ist Zeit für einen Kaffee oder einen
Rundgang, und dann huschen wir schnell rein in die Kirche. Die Vorstellung
beginnt.
Ab dem Moment in dem der musikalischen Leiter, Andreas Reize, seinen Knaben
den ersten Ton anstimmt, wissen wir Eltern, dass die ganze Arbeit im schattigen
Hintergrund des Familienlebens es wert war. Denn die Singknaben der St.
Ursenkathedrale Solothurn beleuchten und bereichern mit ihren Stimmen auf ganz
einzigartige Art und Weise. Das vielfältige Konzert am vergangenen Wochenende
unter der Rubrik "Die Musik alter Meister trifft auf moderne
Zeitgenossen" war keine Ausnahme. Von Bach und Schütz zu Mealor und
Whitacre legten die Singknaben eine Virtuosität und eine musikalische Flexibilität
an den Tag, die unter den Knabenchören dieser Welt nicht selbstverständlich
sind.
Ich weiss, ich bin nicht ganz unvoreingenommen.
Aber die Komplexität der Werke, die die Singknaben immer wieder aufführen,
ist für uns Musikkenner, Eltern hin oder her, beeindruckend. Ob es sich um eine
Motette für sechsstimmigen Chor und dreistimmigen Fernchor handelt, wie bei
Bachs "Unsere Leben ist ein Schatten" oder um die ineinander
fliessenden Dissonanzen eines "Water Night" von Eric Whitacre, lassen
sich die Knaben nicht aus der Fassung bringen. Ganz anders als wir Erwachsene,
denken sie nicht darüber nach, wie schwierig ein gewisses Stück sein mag. Sie
singen einfach das, was sie geprobt haben: Mit scharfer Diktion, mit präzisen
Tönen, mit Gefühl, mit Hingabe, mit
Aufstellung und mit Choreographie.
Wie wir von Andreas Reize kennen, werden auch die Räumlichkeiten für jedes
Konzert optimal genützt. So war das auch am Samstag. Für den Konzertbeginn mit Scarlatti
und Bach reihte er die Knaben hinten in dem Balkon der Jesuitenkirche auf. Die
Musik der alten Meister prasselte aus der zeitlichen und räumlichen Entfernung
auf uns nieder, und mit jedem musikalischen Schritt in die Moderne kamen die
Singknaben näher, bis sie am Schluss direkt vor ihrem Publikum standen.
Höhepunkt des Abends war dann die Aufführung von Alex Turleys 2006
"Skyfall," durch James Bond berühmt geworden, aber als Chorversion durch
die Solothurner Singknaben ins wahre Leben gerufen. Wir konnten nicht anders,
wir mussten klatschen, obwohl das Konzert nicht ganz zu Ende war.
Ich weiss, ich bin nicht ganz unvoreingenommen. Schliesslich stand mein eigener
Sohn da vorne im Rampenlicht, und auch viele andere Jungs, die ich liebgewonnen
habe, standen neben ihm. Aber wenn das Leben, wie Bach es uns durch seine
Motette zu glauben gibt, ein Schatten ist -- voller Pflichten, Terminen,
Pünktlichkeit -- werfen unsere Singknaben doch das Licht.


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